eHealth-Frust: Ärzteverband droht mit Austritt aus der Gematik

Published by hyph on


Wegen immer wiederkehrender Ausfälle und Störungen bei der Einführung des E-Rezepts und der Anbindung an die Telematikinfrastruktur (TI) mache sich Enttäuschung unter niedergelassenen Ärzte und Psychotherapeuten breit, wie aus dem Praxisbarometer “Digitalisierung” der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) hervorgeht. KBV-Vorstand Dr. Thomas Kriedel hat eine klare Antwort darauf, warum die Digitalisierung noch nicht in den Praxen angekommen ist: “Weil sie nicht funktioniert”. Sogar ein Austritt aus der Gematik werde von den Ärzten in Erwägung gezogen.

Kriedel kritisierte, dass die KBV als Gesellschafter der Gematik nur über 7,4 Prozent der Stimmen verfüge. Im Gegensatz dazu verfüge das Bundesgesundheitsministerium mit 51 Prozent über die Mehrheit der Stimmen, wie Apotheke adhoc schreibt. “Für uns stellt sich daher die politische Frage, ob wir noch mitmachen bei der Gematik, wenn wir immer überstimmt werden.”

Die KBV forderte, dass ein elektronisches Rezept weniger Aufwand bereiten müsse als ein Papierrezept. Doch das Gegenteil sei der Fall: „Heute dauert das Ausstellen eines Rezepts zwei bis drei Sekunden, das ist ein Massenprozess, der problemlos läuft“, erklärt KBV-Vize Dr. Stephan Hofmeister. „Für das E-Rezept müssen dagegen 40 bis 50 Sekunden veranschlagt werden. Jeder Controller würde bei so etwas aufschreien.“ Laut Hofmeister profitieren vom E-Rezept vielleicht die Kassen oder die Apotheken, keinesfalls aber die Praxen oder die Patientinnen und Patienten. “Mit Nutzen überzeugen, statt mit der Brechstange – das wäre ein politischer Paradigmenwechsel, den wir als Kassenärztliche Bundesvereinigung gerne unterstützen.”

“Um den gesetzlich angekündigten Einführungstermin nicht zu gefährden, wurde billigend in Kauf genommen, dass ein nachweislich nicht einwandfrei funktionierendes Verfahren in den Praxen zum Einsatz kommt”, kritisierte Hofmeister weiter.

Der hohe Zeitdruck des ausgeschiedenen Gesundheitsministers Jens Spahn (CDU) habe die Digitalisierung nicht vorangebracht, sondern massiv behindert: „Die Ignoranz der politisch und technisch Verantwortlichen hat Konsequenzen: Die Erwartungshaltung der Praxen an die Digitalisierung ist regelrecht eingebrochen“, äußerte Hofmeister weiter. Wiederkehrende “technische Ausfälle”, unausgereifte Anwendungen, hohe Kosten und zeitlicher Aufwand, ein wenig versorgungsrelevanter Nutzen” sowie das “Durchboxen von Umsetzungsfristen” des CDU-Ministers hätten laut Hofmeister zu “spür- und messbarem Frust” geführt.

PraxisbarometerDigitalisierung: Erwartungshaltung zur Digitalisierung

(Bild: KBV)

Kriedel ärgerte sich über die aktuellen Probleme, die die neuen Versionen der elektronischen Gesundheitskarte 2.1 verursachen: “Und nun ein neuer Höhepunkt der Farce: das Lahmlegen von Kartenterminals bis hin zum Praxissystem durch die Kombination von eGK, Winterwetter und Wollpullis!”. Elektrostatische Aufladungen führen derzeit zu massiven Störungen an einigen Kartenterminals, sodass diese häufig neu gestartet werden müssen. Dies sei aber nur die Spitze des Eisbergs: In der Vergangenheit habe es laut Kriedel insgesamt 3.850 Stunden Ausfälle und Störungen in Zusammenhang mit der Telematikinfrastruktur innerhalb von 13 Monaten gegeben.

Zunahme von der Bedeutung von Digitalisierungshemmnissen für Praxen

(Bild: KBV)

Die KBV habe “vor einem zu erwartenden Crash gewarnt […], wenn die Nutzung des E-Rezepts zum 1. Januar dieses Jahres verpflichtend geworden wäre”. Hofmeister hofft, dass Bundesgesundheitsminister Lauterbach einen Strategiewechsel veranlasst. Schließlich wolle die neue Regierung laut Koalitionsvertrag „einen besonderen Fokus auf die Lösung von Versorgungsproblemen und die Perspektive der Nutzerinnen und Nutzer“ legen. Auch Kriedel appellierte an die Verantwortlichen: “an die Politik, an die gematik, an die Industrie und auch an die Krankenkassen, deren Aufgabe es ist, ihre Versicherten aufzuklären über eRezept, eAU, ePA & Co.” Viel zu viele Versicherte hätten von der Thematik noch “keine Ahnung”.

Im Unterschied zu den vom Gesetzgeber erzwungenen Einführungen des E-Rezepts, der elektronischen Patientenakte und der elektronischen Arbeitsunfähigkeitserscheinung würden freiwillig eingeführte Videosprechstunden deutlich besser funktionieren und sich einer höheren Akzeptanz unter den Ärzten erfreuen. Etwa ein Fünftel der Praxen würden die Möglichkeit zur Online-Terminvereinbarung anbieten – bei den großen Praxen seien es laut Praxisbarometer immerhin 41 Prozent.

Die Kassenärztliche Vereinigung Bayerns (KVB) hat inzwischen eine Petition gestartet, in der sie eine einjährige Testphase für die Einführung von TI-Anwendungen wie elektronischer Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung oder elektronischem Rezept fordert – alle Anwender sollten sich zudem freiwillig beteiligen können. Außerdem sollten Ersatzverfahren bei eventuell auftretenden technischen Störungen immer möglich sein, um den Regelbetrieb in den Praxen aufrechterhalten zu können.


(mack)

Zur Startseite

Categories: Uncategorized

0 Comments

Leave a Reply

Avatar placeholder

Your email address will not be published.