c’t 3003: Der AliExpress- und Wish-Skandal – 9 von 10 Smartphones sind Betrug

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Fake-Smartphones gibt es überall, bei Amazon, AliExpress, Wish und eBay. Ein echtes Problem ist der Handy-Betrug bei Wish und Aliexpress, dort findet man zum Teil mehr Fake-Angebote als echte Schnäppchen. Wir haben die Plattformen mit dem Problem konfroniert.


Transkript des Videos:

Puh Leute, in diesem Video passiert viel: Wir haben 11 komplett gefälschte Smartphones gekauft, und zwar nicht nur bei Wish und AliExpress, sondern auch bei Amazon und eBay. Diese wirklich teilweise völlig absurden Dinger sind aber nicht das interessanteste, sondern richtig durchgedreht wird es, als wir versucht haben, die Teile zu reklamieren und die Plattformen mit den Fakes konfrontiert haben. “WAAAAS WIR, NEE, WIR VERKAUFEN DOCH KEINE FÄLSCHUNGEN!” Achso, und Explosionen gibts auch, also bleibt dran.

Liebe Hackerinnen, liebe Internetsurfer, herzlich willkommen hier bei c’t 3003!

Ihr denkt jetzt vielleicht, och nee, nicht noch ein Video über bescheuerte Fake-Phones von Wish.com – kennt man doch alles. Stimmt nicht, ich verspreche euch, dass wir wirklich ziemlich skandalöse neue Dinge herausgefunden haben, die ihr bestimmt noch nicht wusstet. Wie haben zu viert mehrere Wochen lang zu dem Thema recherchiert. Alles fing an mit diesem Video hier, als ich einfach nur aus Neugier ein Smartphone bei Wish bestellt habe. Und am Ende des Videos hatte ich ja versprochen, dass wir dazu noch mehr forschen werden. Das haben wir – und das gibt’s jetzt in diesem Video.

Insgesamt elf Smartphones haben wir bestellt, die uns seltsam vorkamen; und zwar bei Amazon, AliExpress, eBay und Wish. Tja, und Überraschung: Alle elf waren Fake. Das Prinzip ist überall das Gleiche: Im Angebot wird immer absolutes High-End angepriesen; also 16 GByte Arbeitsspeicher, 512 GByte Flashspeicher, 10-Kern-Prozessor, 50 Millionen Rubiks-Cube-Kameras. Nichts davon ist wahr.

Wie muss man sich diesen Entstehungsprozess von solchen Geräten eigentlich vorstellen?

EY LASS MAL RICHTIGES PREMIUM-FAKE-PHONE MACHEN! Also dass die Leute denken, das wäre ein richtiges Markensmartphone! Was heißt Marke nochmal auf Englisch?

Öh, ich glaube Brand.

JA; GEIL!

*Telefon mit Aufschrift “Brand”*

Auch ganz toll fand ich die Anleitungen, die da dabei waren. Hier wird meisterhaft in wenigen Worten das komplexe Android-System erklärt: Send an email: Open the Email. Ok, das ist einfach. Oder hier wird das Spiel Sokoban erklärt, was auf dem Smartphone gar nicht installiert war. Hä?

Und guckt mal wie nett: Es gibt sogar ein Geschenk im Smartphone-Karton! Eine 256-GByte-MicroSD-Karte! Und jetzt ratet mal, ob da wirklich 256 GByte nutzbar sind? Natürlich nicht, wenn man schon Fakephones verkauft, muss man dem Prinzip ja auch treu bleiben: In Wirklichkeit ist das eine billigste 8-GByte-MicroSD-Karte.

Viele der Fake-Phones steckten in so einem generischen SMARTPHONE-Karton; und alle nutzen ein gleich aussehendes, auffällig leichtes Netzteil. Und das passiert, wenn man einen sogenannten Burst-Surge-Test damit macht, also wenn man 1-Kilovolt-Spannungsspitzen simuliert – das müssen laut Gesetz alle Gerät überstehen, die hierzulande in den Verkauf kommen.

Ach komm, hier nochmal in langsam.

Aber die Smartphones sehen nicht nur von außen problematisch aus, sondern vor allem von innen. Schaut man allerdings in die Systemeinstellungen der Smartphones, stimmt komischerweise alles. Also alles wie das im Angebot versprochen wurde. Sogar Analysetools wie AIDA64 zeigen die versprochenen Leistungsdaten an. Hä, aber wieso sind die Teile dann so ultralangsam? Zum Beispiel bei dem hier, da ist sogar die FUCKING PIN-EINGABE schnarchlahm.

Der Grund dafür ist: Weil da in Wahrheit antike Technik drinsteckt, also ernsthaft antik, so zehn Jahre alt. Also zum Beispiel 512 MB RAM, lahme Dualcore-Prozessoren und nur 8 GByte Flashspeicher. Es wird einfach nur falsch angezeigt. Dafür treiben die Fälscher richtig technischen Aufwand: Sie erkennen bekannte Analyse-Apps und manipulieren dann die Textausgabe auf dem Bildschirm – also EIGENTLICH erkennen die Apps die richtigen Daten, aber werden dann von der Systemsoftware ausgetrickst. Ganz genau ist das im verlinkten Artikel von Jörg Wirtgen erklärt. Falls ihr ein Smartphone im Verdacht habt, das falsche Werte ausgibt, ist sein Tipp: Installiert mehrere, möglichst unbekannte Analyse-Apps und vergleicht die Ergebnisse.

Sehr schön sind auch die Benchmarks, die meine Kollegen gemacht hat. Sie haben die Fakephones mit den “Original-Geräten” verglichen, die die Teile nachbilden sollen. Ergebnis: Die Fakephones sind mehr als zehnmal so langsam wie die Originale.

Wir haben auch Sicherheits-Analysen gemacht, ob die Smartphones womöglich spionieren. Das haben sie während unseres Tests nicht getan: Aaaber. Einige Smartphones nutzen für Systemupdates den Dienstleister AdUps. Die zugehörige Systemkomponente ist in der Lage, komplett im Hintergrund Apps (oder natürlich auch Malware) zu installieren, ohne dass man das mitbekommt. Außerdem hat Adups schonmal von sich Reden gemacht, als sie 2016 massenhaft Nutzerdaten abgeschnorchelt und nach China geschickt hat. AdUps will man also definitiv nicht auf dem Handy haben.

Die Fake-Phones kann man in drei Kategorien einteilen: Maximale Dreistigkeitsstufe – komplette Kopien, also wenn alles inklusive Verpackung von einem vorhandenen High-End-Telefon kopiert ist, zum Beispiel wie hier bei diesem Samsung Galaxy S20.

Die mittlere Dreistigkeitsstufe wäre, wenn die Fakephones an real existierende Phones angelehnt sind, zum Beispiel wenn die Samsung zwar nicht erwähnen, sich aber einfach “S21” nennen und das charakteristischen Kameramodul kopieren (also zumindest grob).

Und die minimale Dreistigkeitsstufe haben wir, wenn das Fakephone einfach einen Fantasienamen trägt und sich optisch nicht an andere Modelle anlehnt, zum Beispiel wie hier das „RRunzfon für Erwachsene“ auf Amazon.

Drin steckt in Geräten aller drei Kategorien das Gleiche: Superlahme Schrott-Technik plus gefälschter Technische-Daten-Anzeige. In Internetshops finden sich vor allem Geräte der mittleren Dreistigkeitsstufe – klar, weil bei den Komplett-Kopien die kopierten Herstellerfirmen sofort mit Anwälten auf der Matte stehen.

Es handelt sich bei allen drei Kategorien um Betrug – schließlich werden die Smartphones unter Vorspiegelung falscher Tatsachen verkauft; und die Käufer werden mithilfe technischer Maßnahmen in die Irre geführt. Trotzdem scheint sich für die Betrugs-Telefone der mittleren Kategorie niemand so richtig zu interessieren, die werden nämlich MASSENWEISE angeboten. Vor allem auf Wish.com und AliExpress. Wir haben zweimal mit unterschiedlichen Browsern zu unterschiedlichen Zeitpunkten Stichproben gemacht und einfach “Smartphone” in die Suche eingegeben. Dann haben wir uns die ersten 100 Treffer angeschaut. Bei Wish waren beide Male 91 der ersten 100 Treffer offensichtliche Fakes, bei AliExpress einmal 17 und einmal 64 Fakes. Wenn man den Preis auf unter 100 Euro eingrenzt, werden es sogar noch mehr. Bei Amazon und eBay gibt es auch Fakes, aber viiiel weniger; da ist die Wahrscheinlichkeit, dass man zufällig auf Fakes stößt, sehr gering. Bei Wish und Aliexpress ist die Wahrscheinlichkeit dagegen sehr hoch – und das ist der eigentliche Skandal der Geschichte.

Wenn ihr jetzt sagt: Hä, ihr wisst doch vorher gar nicht, ob das Fakes sind. Doch, denn wir haben uns von den Plattformen bestätigen lassen, dass wir Fakes korrekt erkennen können: Wir haben denen ganz viele Links geschickt mit Angeboten, die für uns nach Fake aussehen – und sie haben alle gelöscht, also die Fakes bestätigt, dazu gleich noch mehr. Erkennbar sind die Fakesohnehin sehr leicht, wenn man weiß worauf man achten muss: Erstmal gibt es oft total unnatürlich aussehende Produktbild-Fotomontagen. Ein noch besserer Indikator sind die Größen von Arbeits- und Flashspeicher: Wenn ein Smartphone 12 GByte RAM und mehr hat und obendrein Flashspeicher von 256 GBYte oder mehr und weniger kostet als 200 Euro – dann ist das mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ein Fake. Das zurzeit günstigste ECHTE Smartphone mit 12 GBYte RAM und 256 GBYte Flash ist das Realme X3 Super Zoom – und das kostet mindestens 350 Euro.

Auf die Bewertungen darf man sich dabei nicht ansatzweise verlassen:

Was meint ihr, die sind doch sicherlich echt und bestimmt nicht von den Fake-Händlern selbst gemacht, oder?

So. Aber was macht man denn jetzt, wenn man so ein Ding bestellt hat und das Geld zurück will? Dann würde man ja denken, dass AliExpress und Wish sofort sagen: Oh sorry, ja, hier Geld zurück, wir sperren den Shop. So ist das aber in der Praxis absolut nicht. Ohne uns als Journalisten auszugeben haben wir zwei Rückgaben auf Wish und AliExpress versucht.

Bei AliExpress muss man grundsätzlich zuerst den Händler ansprechen bevor AliExpress selbst tätig wird. Sowohl AliExpress als auch Wish verschicken ja nicht selbst, sondern sind nur Plattformen, auf den Händler Zeugs verticken können. Und das war ein großer Spaß auf AliExpress. Der Händler nämlich erstmal so: Ohhh, wo hast du das denn gesehen, dass das Fake ist? Geh mal in die Telefoneinstellungen, da steht drin, dass alles echt ist!

Als ich dann einen Screenshot von unserem eigenen Analysetool gescchickt habe, wurde er richtig dreist: WAAAS, DAS IST THIRD-PARTY-SOFTWARE, DIE NICHT VON ANDROID ZERTIFIZIERT IST! SOLCHE APPS KÖNNEN DEIN TELEFON KAPUTTMACHEN!

So ging das dann weiter, bis ich dann einen offiziellen Streitfall bei AliExpress aufmachen konnte. Das ging übrigens nur mit der AliExpress-Smartphone-App bei mir, nicht im Desktop-Browser – aber das AliExpress etwas, äh, eigen ist, darüber habe ich ja schomal ein Video gemacht. Nach acht Tagen ist dann endlich AliExpress eingeschritten und hat mir mein Geld zurücküberwiesen. Allerdings wurde der Shop nicht gesperrt, der verkauft weiterhin Fakephones.

Bei Wish kann man sich direkt an die Plattform wenden, per Chat. Dem Mitarbeiter musste ich Beweisbilder schicken, was ja kein Problem ist, ich habe ja App-Screenshots, die die falschen technischen Daten zeigen. Aber auch hier kein OH NEIN, EINE FÄLSCHUNG, KLAR SOFORT GELD ZRÜCK, sondern nur Hinhaltetaktik. Nach mehrfachem Nachbohren und vielen Tagen Abgewarte, wurde mir eine 50%-Gutschrift angeboten. Erst als ich dann gesagt hab: Ey, Leute, das ist BETRUG. Ich will keine 50%, ich will das ganze Geld zurück. Dann habe ich das auch tatsächlich bekommen. Aber auch hier wurde der Shop nicht gesperrt.

Ganz zum Schluss habe ich dann die Pressestellen von Aliexpress und Wish kontaktiert. Und hier dann das ganz große Erstaunen: “Danke für den Hinweis, könntest Du uns Links schicken, damit unser Team das recherchieren kann?” Ich habe dann zehn Links hingeschickt; alle Angebote wurden gelöscht und ich bekam ein tolles Statement, in dem es hieß, dass Wish eine Null-Toleranz-Regel gegenüber Fakes habe und man sich ganz doll dafür bedankt, dass ich sie auf die zehn Fake-Angebote aufmerksam gemacht habe. LEUDE IHR HABT KEINE ZEHN FAKE-ANGEBOTE BEI EUCH DRIN SONDERN HUNDERTE UND TAUSENDE!

Bei AliExpress genau das gleiche: Auch dort wurde mir freundlich gedankt für den Hinweis. Und auch dort hieß es man sei da ganz heiß hinterher, solche bösen Angebote zu unterbinden. UND ZWAR PROAKTIV!

Ich habe eine Woche später nochmal geschaut: Immer noch das gleiche Trauerspiel, bei Wish und Aliexpress alles voller Fakes. Und jetzt muss ich vorsichtig sein was ich sage: Meiner Meinung nach, scheint es mir so, als würden Wish und Aliexpress nur so tun, als würden sie die Fakes verhindern wollen und in Wahrheit aber doch gerne das Geld verdienen, was ihnen diese Betrugsmasche so in die Kassen spült. Falls ihr euch jetzt fragt, warum die Plattformen damit durchkommen: Das haben wir uns auch gefragt und haben den Wirtschaftsanwalt Falk Lichtenstein gefragt, der in Peking ansässig ist. Er sagt: „Offensichtlich gibt es noch nicht genug Verbraucher, die sich beschweren“ – also über die Plattformen. Und „Der Dubiose, aber umsatzstarke Händler ist manchem Plattformbetreiber mehr wer als Rechtstreue und zufriedene Verkäufer.“ Das ganze Interview habe ich in der Beschreibung verlinkt.

Zur Ehrenrettung von AliExpress würde ich gerne noch sagen, dass es dort auch wirklich gute Handyschnäppchen gibt, also nicht nur Fakes: Zum Beispiel das Redmi 10 habe ich dort für 155 Euro inklusive Versandkosten bestellen können, das kostet in Deutschland 180 Euro und war auch erst Wochen später hier erhältlich. Von Wish würde ich allerdings generell abraten, wenn man Handys kaufen will. So, ich sammel jetzt noch ein paar Fake-Links bei Wish und Aliexpress, schließlich sagen die ja, sie freuen sich da voll drüber, wenn ich die auf falsche Angebote aufmerksam mache. Tschüß!


c’t 3003 ist der YouTube-Channel von c’t. Die Videos auf c’t 3003 sind eigenständige Inhalte und unabhängig von den Artikeln im c’t magazin. Redakteur Jan-Keno Janssen und die Video-Producer Johannes Börnsen und Şahin Erengil veröffentlichen jede Woche ein Video.

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(jkj)

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