IFA Berlin: Konsortium will Elektronikmesse neu aufstellen

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Die IFA nicht in Berlin? Kaum vorstellbar, aber die Drohung steht im Raum: In der Hauptstadt ist hinter den Kulissen des Messegeländes unterm Funkturm ein Tauziehen um eine der erfolgreichsten internationalen Messen des Landes im Gange. Es geht um Berliner Seilschaften und die Kontrolle über eine lukrative Leitmesse – dass dabei auch ein Umzug in eine andere Stadt im Raum steht, ist kaum überraschend, auch wenn der Wegzug der IFA aus Berlin eher unwahrscheinlich ist. Noch.

Die erste “Große Deutsche Funkausstellung” fand 1924 im Haus der Funkindustrie im Berliner Westend statt – dort, wo heute das Messegelände steht. In den 1950er- und 60er-Jahren gastierte die Funkausstellung auch in Düsseldorf, Frankfurt und Stuttgart. Seit 1971 ist die “Internationale Funkausstellung”, inzwischen nur noch IFA, fest in Berlin verankert. Sie ist nicht nur die größte europäische Ordermesse für die Elektronikbranche, sondern auch ein Publikumsmagnet – und ein Wirtschaftsfaktor. Ein großer.

Das weckt Begehrlichkeiten. Veranstalter und Markeninhaber der IFA ist die Gfu, was früher mal für “Gesellschaft zur Förderung der Unterhaltungselektronik” stand. Gesellschafter sind zahlreiche namhafte Hersteller, darunter Miele, Panasonic oder Sony. Zusammen mit der Messe Berlin hat die Gfu die IFA in den vergangenen Jahrzehnten zu dem gemacht, was sie heute ist: die europäische Leitmesse der Branche und ein Publikumsmagnet. Doch nun gibt es Risse in der langjährigen Beziehung.

Offenbar will die Gfu die IFA weiterentwickeln und schmiedet Pläne, in denen die Berliner Messegesellschaft nur noch als Vermieter des Geländes vorkommt. Bisher sind Messe und Gfu gemeinsam als Veranstalter der IFA aufgetreten – ein für beide Seiten lukratives Arrangement, das noch bis einschließlich 2023 vertraglich so geregelt ist. Derzeit laufen die Verhandlungen über eine mögliche Fortsetzung der Zusammenarbeit.

Die stellt sich die Gfu künftig anders vor. Wie der Tagesspiegel berichtet, hat sich die Gfu mit dem britischen Veranstaltungsriesen Clarion Events und einer Berliner Beteiligungsgesellschaft namens Aquila zusammengetan. Dieses Konsortium will künftig die IFA ausrichten, die laut Bericht in den vergangenen Jahren fünf bis zehn Millionen Euro Gewinn abgeworfen hat. Davon dürfte die Messegesellschaft als reiner Vermieter nichts mehr sehen.

Der Schachzug der Gfu hat in der Hauptstadt für hochgezogene Augenbrauen gesorgt. Im Aufsichtsrat der Messe ist von einem “Knebelvertrag” die Rede. Mehr als pikant ist zudem, dass Aquila eine Beteiligungsgesellschaft der Familie von Gebäudereinigungs-Tycoon Werner Gegenbauer ist. Die Geschäfte von Gegenbauers Familienholding führt seit dem vergangenen Jahr Christian Göke, der bis Ende 2020 CEO der Berliner Messe AG war.

Man kennt sich in Berlin: Göke sitzt auch im Aufsichtsrat von Fußball-Bundesligist Hertha BSC, dessen Präsident Werner Gegenbauer ist. Die Beteiligung Gökes ist dem Senat und der Messegesellschaft über aufgestoßen. “Dass ein ehemaliger Geschäftsführer der Messe Berlin Teil des neuen Gfu-Konsortiums ist, halten wir in der Tat für sehr schwierig”, erklärt ein Sprecher von Wirtschaftssenator Stephan Schwarz (parteilos) gegenüber heise online.

Die Gfu will sich zu den Plänen nicht äußern, dementiert sie aber auch nicht. Clarion reagiert auf eine Anfrage nicht. Ein Sprecher der Messe Berlin verweist auf den bis 2023 laufenden Vertrag und den “ständigen gemeinsamen Austausch mit der Gfu”. Man spricht also noch miteinander, will sich zu Details aber nicht äußern. Der Tagesspiegel nennt das Vorgehen des Konsortiums “aggressiv”: Mitarbeiter der Messe sollen abgeworben werden, die Drohung der Abwanderung in eine andere Stadt steht im Raum.

Das Land Berlin kann daran kein Interesse haben. Wie andere Großveranstaltungen ist die IFA ein wichtiger Wirtschaftsfaktor für die Hauptstadt. Die Messegesellschaft gehört dem Land Berlin, weshalb auch der Senat die Vorgänge genau beobachtet. “Natürlich wollen wir die IFA in Berlin behalten, weil die IFA einfach zu Berlin gehört”, erklärt der Sprecher des Wirtschaftssenators. Der hatte schon im Dezember zu Protokoll gegeben, er sehe “auch gute Chancen, neue Leitmessen in die Stadt zu holen”.

Mit Grüner Woche, Fruit Logistica, ITB, Innotrans und IFA kann Berlin schon einige internationale Leitmessen vorweisen. Doch hat das Messegeschäft sehr unter der Corona-Pandemie gelitten; nach zahlreichen Ausfällen klafft in den Büchern der Messegesellschaft ein Riesenloch. Alleine für 2020 wies die Messe einen Verlust von 66 Millionen Euro aus. Doch nicht nur deshalb wird der Senat einen Abzug der IFA in eine andere Stadt nach Möglichkeit verhindern wollen. “Das wird aber nicht um jeden Preis geschehen, denn weder die Messe noch das Land Berlin sind erpressbar”, sagt der Senatssprecher.

Was dem Land Berlin als Eigentümer der Messe wohl auch kaum gefällt: Mit dem neuen Konsortium soll der Teil der IFA-Gewinne privatisiert werden, der bisher in die Schatulle der landeseigenen Messegesellschaft geflossen ist. Bei seinem Abschied von der Messe hatte Göke noch von “immens viel Geld im Markt” geschwärmt. Diese Goldader will das neue Konsortium nun anzapfen – und die Messegesellschaft ausbooten.

Ob es dazu kommt, ist derzeit noch offen. Die Parteien reden noch miteinander. Dass Messe-Veranstalter offen über eine Abwanderung nachdenken, wenn sie mit dem Veranstaltungsort nicht mehr ganz zufrieden sind, ist zudem nicht ungewöhnlich. Nicht immer aber sind das leere Drohungen, wie die Leipziger Games Convention am eigenen Leib erfahren musste.


(vbr)

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