Ukraine-Krieg: Russland klinkt sich nicht aus dem Internet aus

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Die Aufforderung des russischen Ministeriums für digitale Entwicklung, Kommunikation und Massenmedien, nur noch russische DNS Dienste zu verwenden, sandte kurzzeitig Schockwellen durch die Foren von Netzwerkbetreibern. Berichtet hatte der belarussische Nachrichtenkanal Nexta. Die Anweisung beschränkt sich jedoch auf öffentliche Seiten und Dienste. Die Kluft zwischen dem russischen und dem globalen Netz wird dennoch größer.

Russland habe mit den Vorbereitungen für ein Verlassen des globalen Internets begonnen, meldete Nexta in der Nacht zum Montag. Der belarussische Kanal, dessen kritischer Macher Raman Pratassewitsch im vergangenen Jahr auf Betreiben von Diktator Alexander Lukaschenko aus einem Flugzeug gezogen und verhaftet wurde, verwies auf einen diesbezüglichen Aufruf des russischen Ministeriums für digitale Entwicklung.

Tatsächlich heißt es in der von Experten rasch nachgeschobenen Übersetzung der knappen Anweisungen, dass staatliche Betreiber von Diensten und Webseiten ihre Sicherheitsvorkehrungen erhöhen sollten. Auf der To-do-Liste des Ministeriums stehen unter anderem ein Wechsel von Passwörtern oder auch das Vermeiden von Javascript-Elementen beim Download auswärtiger Seiten. Soweit nicht schon geschehen, soll zudem auf lokale DNS-, Hosting- und Clouddienste umgezogen werden. Zugleich will das Ministerium über Ausfälle informiert werden und Zahlen sehen, welche Dienste man bietet und wo diese gehostet werden.

Russlands Regierung dürfte mit den Anweisungen nicht zuletzt auf DDoS und andere Angriffe reagieren, wie etwa den Passwortklau beim Verteidigungsministerium. Zugleich ist die Strategie in Richtung eines nationalen Ru.net nicht neu. Seit 2018 arbeitet der russische Gesetzgeber daran. Unter anderem gibt es Pläne, die DNS Rootzone umzubiegen. Inkompetenz und Korruption haben die Umsetzung bislang aber laut russischen Beobachtern konterkariert. Die aktuelle Anordnung des Ministeriums unterstreicht das nur noch und geht dabei nicht so weit. Denn sie bezieht sich eben nur auf öffentliche Domains, bemerkt der französische DNS-Experte Stéphane Bortzmeyer.

Auch die USA versuchen – seit vielen Jahren recht erfolglos – mit ihrem Projekt “Einstein”, einheitliche Sicherheits- und Souveränitätsstandards bei Behördendiensten durchzudrücken, ergänzt auch Bill Woodcock, Chef von Packet Clearing House.

Trotz der “Entwarnung” ist aber festzustellen: Die Invasion Putins in die Ukraine spaltet das Netz. So ist die Eurasia Network Operators Group (ENOG) dabei, sich aufzulösen. Das 2011 von der IP-Adressverwaltung RIPE gegründete Forum sollte die Zusammenarbeit von Netzadministratoren der ehemaligen Sowjetrepubliken und Osteuropas beflügeln. Der ehrenamtliche Programmchef Töma Gavrichenkov schlug nun die Auflösung vor. Im “Licht der jüngsten Ereignisse” bestehe keine “ENOG Gemeinschaft mehr”, schrieb der Russe. Zudem glaube er nicht, dass er als Staatsbürger Russlands noch das Vertrauen einer Mehrheit der ENOG-Teilnehmer genieße.

Sein ukrainischer Vize, Alex Semenyaka, trat gleich mit zurück. Semenyaka, der zugleich als Verbindungsmann des RIPE in Moskau gewesen war, war im vergangenen Sommer von der russischen Regierung als angeblicher Spion ausgewiesen worden. Erste Stimmen mahnen jetzt, eine Operator’s Group ohne russische Beteiligung, eine Central Europan NOG zu gründen.

Auf russische Beteiligung will auch der Council of European National TLD Registrars (CENTR) verzichten. Er schloss vor einer Woche den Betreiber von .ru aus.

Über die “Russland-raus aus dem Netz”-Politik wird nicht zuletzt seit dem ukrainischen Aufruf, Russland aus der Rootzone zu werfen, kontrovers diskutiert. Zuletzt heizte die Vertragskündigung des Internet-Backbone Betreibers Cogent die Diskussion weiter an. Der Rauswurf russischer Cogent-Kunden ist zwar noch kaum sichtbar, wenn man den Internetverkehr am wichtigen Moskau Internet Exchange betrachtet. Würden weitere Tier-1 Provider oder gar Internet Exchanges folgen, sähe das aber anders aus (siehe Grafik Peering).

Moskau Exchange

Die meisten Infrastruktur-Provider verweisen bislang auf ihre Neutralitätsverpflichtung beim Offenhalten von Kommunikationskanälen. Vergangene Woche sah sich aber schon der DeCix in Frankfurt mit harscher Kritik konfrontiert. Die Zeitung “Die Welt” monierte die Unterstützung Russlands durch den großen deutschen Internet Exchange Provider. Noch härter ging der Netzpolitik Forscher Niels ten Oever mit dem RIPE ins Gericht. Der Niederländer schrieb auf einer Diskussionsliste, mit seiner “Neutralität” unterstütze die Adressverwaltung praktisch auch das russische Militär.

Die ICANN, die den Rauswurf aus der DNS Root abgelehnt hat, kündigte am gestrigen Montag, in der Bestrebung, doch Stellung zu beziehen, eine Million Dollar Unterstützungsleistungen für die Aufrechterhaltung der Konnektivität in der Ukraine an. Daraus könnten etwa Satellitenterminals gekauft werden.

In der aufgeheizten Debatte mahnt Stéphane Bortzmeyer, beim Ruf nach generellen Sperren Vorsicht walten zu lassen, da dies die Kommunikation vieler Menschen betreffe. Er gab zu bedenken, dass Russland gerade wegen der grenzüberschreitenden Kommunikation den Propagandakrieg verloren habe.

“Niemand kauft Russlands Regierung ihre behaupteten Entschuldigungsgründe für die Invasion ab. Die Ukrainer lassen sich nicht durch russische Ansprüche, sie sollen Teil von Russland sein, täuschen. Der Rest der Welt weist Putins Narrativ zurück. Sogar in Russland wird protestiert”, so Bortzmeyer gegenüber heise online.


(mho)

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